STÉPHANE MALLARMÉ – DER NACHMITTANG EINES FAUNS (egloga) DE

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Stéphane Mallarmé

 

Der nachmittag eines fauns

(egloga)

 

 

 

L’Aprés-midi d’un faune (Der Nachmittag eines Fauns) ist ein symbolistisches Gedicht Stéphane Mallarmés, das dieser zwischen 1865 und 1867 geschrieben und 1876 veröffentlicht hat. Es gilt als sein bekanntestes Werk und beschreibt das sinnliche Erleben eines Fauns, als dieser aus einem nachmittäglichen Schlaf erwacht und das Geschehen des Morgens in einem rauschhaften Monolog Revue passieren lässt. Mallarmé griff mit seinem Gedicht den antiken Mythos von Pan und Syrinx auf, der in Dichtung und Malerei immer wieder dargestellt worden ist.

 

Das Gedicht ist zum Ausgangspunkt für vielfältiges und bedeutendes künstlerisches Schaffen geworden. Allen voran hat es als Inspiration für Claude Debussys Musikstück Prélude à l’après-midi d’un faune von 1894 und zusammen mit diesem für Vaslav Nijinskys Ballett L’Aprés-midi d’un faune von 1912 gedient. Alle drei Werke nehmen eine zentrale Stellung in ihrer jeweiligen Kunstgattung und in der Entwicklung der künstlerischen Moderne ein.

 

 

 

Der nachmittag eines fauns

 

 

 

Der Faun:

Sie solln mir dauern, diese Nymphen.

Wie so licht

ihr leichtes Rosenrot die Luft durchschwebt, die dicht

gedrängtem Schlaf erliegt!

 

Galt einem Traum mein Lieben?

 

So mancher zarte Zweig, der wahrer Wald geblieben,

vollendet meinen Zweifel, Massen alter Nacht,

beweist, ach, daß ich ganz allein mir dargebracht

als Siegespreis den Mangel vorgestellter Rosen.

 

Erwäg…

 

ob nicht, die du besprichst, die Fraun, der losen

Sinne Wunschbild wären? Faun, das Blendwerk weicht

vom Augenpaar, das einem Quell in Tränen gleicht,

dem blauen kalten Blick der keuschern: dennoch spürte,

wie wenn an heißem Tage, sagst du, Wind sich rührte,

welch Widerspiel, die andre, Seufzer ganz, dein Vlies!

Nicht doch!

 

 

Wo müdes Brüten schlaffste Regung ließ

und, ringt ein frischer Morgen, stickige Hitze häuft,

murmelt kein Wasser, das nicht meine Flöte träuft

aufs klangbetaute Wäldchen, und das einzige Wehen,

bereit von den zwei Rohren atmend auszugehen,

eh es den Ton verteilt in einem kargen Regen,

das ist am fernen Saum, den Falten nicht bewegen,

sichtbar und heiter, Werk der Kunst, der Hauch, genährt

von Eingebung, der wieder heim zum Himmel kehrt.

 

O sizilianische Ufer, stillen Sumpf umbreitend,

die, Schweigen unterm Blumenfunkeln, ich wettstreitend

mit Sonnenbränden eitel plündre, teilet mit:

»Daß ich hier hohles Schilf, es mir zu zähmen, schnitt,

»wie Witz mich’s wies, als fern auf dem grüngoldnen Grund

»von Laub, wo’s Rebenranken senkt zum Quellenmund,

»sich wellend ein lebendiges Weiß in Ruhe wiegt,

»daß dann beim Vorspiel, das die Pfeifen langsam schmiegt,

»die werdenden, der Schwanen-, nein der Nymphenflug

»taucht oder flüchtet…«

 

Glut ganz, träge, zeigt kein Zug

der falben Stunde, welche Kunst vereint sich fand,

daß dem, der stimmt, zu viel gewünschter Brautschaft schwand:

erwacht zur ersten Inbrunst, aufrecht und allein,

will ich denn unter alter Lichtflut Lilie sein,

und eine von euch allen, arglos gleicherweis.

 

Anders als für Falsche, süßes Nichts, ganz leis,

wann ihre Lippen ihn verlauten,

bürgt ein Kuß,

zeugt von geheimnisvollem Biß, den er verdanken muß erlauchtem Zahn,

mein Busen, den kein Mal versehrt;

 

 

doch halt! vertraut hat sich, was so geheim verfährt,

dem weiten Zwillingsschaft, zum Spiel im Blau bestimmt,

der von der Wange die Verwirrung auf sich nimmt

und wähnt, weil er so lang allein singt, es vergnüge

die Schönheit rings, was da sich wirrt an Lüge

von ihr und unserm Sang, der sich leichtgläubig neigt;

und hoch, wie, wechselvollen Tons, die Liebe steigt,

so soll gemeiner Traum von Rücken, reinen Flanken,

die mein geschloßner Blick verfolgt, in Ohnmacht wanken,

eintönig leerer Klang, der langhin weiter schwingt.

 

 

Versuch denn, böse Syrinx, der nur Flucht gelingt,

neu zu erblühn am See; du wartest dort auf mich!

 

Ich, stolz auf mein Gelärm, von Göttinnen will ich

lange Zeit sprechen und mit Farbeninbrunst schildern,

wie ich den Gürtel raub’ noch ihren Schattenbildern:

so, hab ich Trauben ihre Helle ausgesogen,

heb ich, Bedauern zu bannen, das mein Schlich betrogen,

die leeren Hülsen lachend in den Sonnenschein,

hauche den leuchtenden von meinem Atem ein

und blicke bis zum Abend durch in Rauschbegier.

 

Erinnerungen helft,

o Nymphen, schwellen mir!

 

»Mein Aug, das Schilf durchbohrend, trifft, ein Speer, zu gut

»nur jede der Unsterblichen am Hals, der, Wut

»im Schrei zum Himmel überm Wald auf, in die Wellen

»die Wunde taucht, die Flutenpracht des Haars in hellen

»Schauern schwindend, o Geschmeid aus Edelsteinen!

 

»Hin eil ich, als umschlungen Schlafende vor meinen

»Füßen sich halten im verwegnen Arm allein

»(erschöpft vom Leid, in dem sie schmachten, zwei zu sein);

»ich raff sie, so verbunden, fliege, sie umfaßt,

»zu diesem Dickicht, das der freche Schatten haßt:

 

»hier wo der Rosen Duft in Sonne ganz verhaucht,

»gleicht unsre Lust dem Tage, der sich aufgebraucht.«

Anbetungswürdiger Zorn der Jungfraun, Wollust, o,

wilde, der heiligen nackten Last, wie meiner loh

entflammten Lippen Feuer zu entfliehn sie ringt,

die, Züngelblitz!

 

 

geheime Angst des Fleisches trinkt:

vom Fuß der Fühllosen hinauf ans Herz der Zagen,

ledig auf einmal einer Unschuld, taubeschlagen

von tollen Tränen oder minder traurigem Dunst.

 

»O daß ich, froh zu siegen über Furcht, die Gunst

»verriet, zerrauften Haarbusch küssend mich vergaß,

»was Götter gut gemengt, zu trennen mich vermaß!

»Denn kaum war ich daran, in den beglückten Falten

»der Einen heißes Lachen zu verstecken (halten

»einfach am Finger will ich die arglose Kleine,

»die nicht errötet, so daß ihre Flaumenreine

»an der erregten Schwester, die entbrennt, sich färbe),

»als aus geschwächten Armen,

der ich halb ersterbe,

»auf immer undankbar die Beute sich befreit,

»mitleidlos für mein Schluchzen, noch vom Rausch geweiht.«

 

So schlimmer! Andre werden mich zum Glück entführen,

mit ihren Flechten meiner Stirn Gehörn umschnüren,

Du weißt es, Leidenschaft: jede Granate springt,

wann sie, purpurn gereift, Bienengesumm umringt;

 

und unser Blut, das fängt, wer es auch immer rührt,

fließt für den ewigen Schwarm, den die Begierde führt.

 

Zur Stunde, da der Wald sein Gold mit Aschen mischt,

erhebt sich hier ein Fest im Laube, das erlischt:

Aetna! Dein Hang, von Venus heimgesucht, die jetzt

arglos auf deine Lava ihre Fersen setzt,

wann trauriger Schlaf grollt, gar die Flamme dir versiegt.

Die Königin halt ich!

 

Straft sie…?

Nein, doch es erliegt

wortlos die Seele und der Leib, der lang sich wehrt,

dem stolzen Mittagsschweigen, träg von Last beschwert:

nun heißt’s nur schlafen und die Lästerung vergessen,

im durstigen Sande liegen, dem Gestirne, dessen

Kraft im Weine wirkt, wie gern den Mund erschließen!

 

Lebt wohl, ihr zwei;

ich seh zu Schatten euch zerfließen.

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Stéphane Mallarmé – Der nachmittag eines fauns

 

 

 

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